Törnbericht ANITA-Törn A3/2005 (15.5. bis 27.5.)
Skipper Dr. Karl-Ludwig Sattler
15. Mai (Pfingstsonntag): Es schien uns am zweckmässigsten, für die lange Autofahrt diesen Tag zu wählen, und tatsächlich, der Verkehr war normal. Bis zum Abend waren wir fünf: Skipper, Smut Helmut, Karin, Bernd und Neuling Andreas, ganz kurzfristig von der Saar zu uns gestoßen. Zeit genug, uns an Bord einzurichten.
Wenn ANITA schon in der Ostsee unterwegs ist, gehört natürlich ein Besuch bei unserem lieben Freund so vieler Jahre, bei Reinhold Siemer, unbedingt mit zum Programm. Dabei leisten uns Helga und Lothar, ein "zukünftiger" ANITA- Segler, die uns am Nachmittag überraschen, Gesellschaft.
16. Mai (Pfingstmontag): Im Lauf des Tages wird die Crew komplett (nur Monrad, der direkt aus den USA kommt, fehlt noch). Die üblichen Routinearbeiten, um das Schiff seeklar zu machen, werden durchgeführt. Darüber vergeht der Tag.
Zum Abendessen bei Reinhold sind wir eine große Runde: ausser der Crew noch Mechthild, Achim und Segelfreund Arnold mit Louisa. Die beiden bereiten gerade ihren Tðrn nach Haparanda vor.
17. Mai: Heute ist im wesentlichen einkaufen und stauen angesagt. Helmut ist in seinem Element. Der Abend wird nicht sehr lang, denn die Wettervorhersage ist günstig (W 4); morgen froh soll es losgehen.
18. Mai:
02.00 wecken, 02.30 AM klarmachen zum Auslaufen, 02.45 Leinen los. Pünktlich verläßt ANITA den Liegeplatz. Die Nachfrage bei Trave-Traffic war - wie gewohnt - überflüssig, denn trotz anders lautender Auskunft überholt uns in der Trave eine große Fähre. Um 03.00 passieren wir die Mole, kurz darauf setzen wir bei West 2 zunächst Fock und Besan. Für die erste Nacht ist der ruhige Verlauf genau richtig. Das Großsegel wird erst im Hellen gesetzt.
Der Wind passt, aber es ist saukalt. Der Tag vergeht im Wechsel der Wachen. Wir sind ausreichend schnell, sodass wir zweckmässigerweise um 20.00 das Groß bergen (97 sm).
Mittagsposition: Tn 69 1Kbl Bb querab (Kiel-Ostsee-Weg)
19. Mai: Während der Nacht passieren wir Rðnne und die Westseite von Bornholm; es ist schon wieder Tag, als wir an der Nordspitze und Hammershus entlangsegeln. Im Morgenlicht nähern wir uns bei wolkenlosem Himmel Christiansð. Der Wind ist frisch, Nordwest 3-4, nicht ideal, um einen winzigen Hafen anzusteuern. Noch unmittelbar vor der Einfahrt schien es dem Skipper zu riskant - doch da bot sich eine Chance: "Reinfahren!!". Und der erste Anleger mit der noch untrainierten Mannschaft, mit immerhin vier Neulingen, klappt. Um10.00 sind die Leinen am KFK Y 38 "Christiansð" fest.
Nachdem ANITA mit anderer Crew vor zwei Jahren schon einmal im nördlichen Hafen war und mangels Liegemöglichkeit wieder abdrehen mußte, war es natürlich ein besonderer Genuss, dieses Idyll zu erkunden (46 sm).
Mittagsposition: Christiansð
20. Mai: Christiansð und die noch kleinere Insel Frederiksð sind durch eine schwenkbare Fußgängerbrücke verbunden. Die Brücke trennt auch den südlichen vom nðrdlichen Hafenteil. Der Wind hat auf Süd gedreht, am Liegeplatz kommt er von achtern. Der freundliche Hafenmeister öffnet für uns die Brücke. Mit der Fock, unterstützt vom Dinghi, legen wir kurz nach 11.00 ab. Der günstige Wind bringt uns entlang der schwedischen Küste viel schneller voran, als es dem Skipper eigentlich lieb ist. Mit ständig sieben bis acht Knoten geht es gen Westen. Kurz vor Mitternacht liegt der "Kreisverkehr " von Falsterbo Rev unmittelbar vor uns (75 sm).
Mittagsposition : 2.5 sm NW Christiansð
21. Mai: Trotz GPS und eng betonntem Fahrwasser ist im Sund höchste Aufmerksamkeit angesagt. Wind und Strom schieben uns nach Norden. Der starke Schiebestrom (geschätzt drei Knoten) ist auch der Grund dafür, daß wir hoch am Wind noch mit dem Beiboot nachhelfen müssen, um die Einfahrt nach Langelinie zu packen. Um 04.45 sind die Leinen unmittelbar vor dem Ringhafen fest.
Seit dem letzten Besuch hat sich eine Menge geändert. Ein Gastplatz im Ring-
hafen ist uns ebenso verwehrt, wie die Benutzung der sanitären Anlagen. Der Hafenmeister von Kopenhagen-Port weist uns einen Platz im Amaliehafen an.
Damit sind wir zwar dicht am Zentrum, aber ohne ordentliche Versorgungsmöglichkeiten. Immerhin konnten wir vor dem Verholen einige
Stunden ausschlafen.
Die Crew nutzt den Tag für einen Stadtbummel. In den Altstadtstraßen entlang dem Hafenbecken brummt der Bär. Der Unternehmungsgeist des jüngeren Teils der Mannschaft verlangte nach dem Abendessen noch Taten - also ab an Land. Auf dem Rückweg gelang es den Herren, sich in eine Feier von ranghohen Marineoffizieren und deren Begleitung zu schmuggeln. Das Fest fand im nahen Hotel "Admiral" statt, die Herren in Galauniform, die Damen in Abendrobe. Seeleute sind Seeleute, und so war die ANITA-Crew (nachdem sie am Eingang die Security überwunden hatte) an der Bar geduldet. Nur das mit dem Erinnerungsfoto, das mochte man dann doch nicht leiden. - Fast hätte es der Chronist vergessen: Monrads Geburtstag! (26 sm).
Mittagsort: Kopenhagen, Amaliehafen
22. Mai: Monrad hat uns zu einem Sonntagsfrühstück eingeladen, eine ausgezeichnete Idee. Während wir das üppige Angebot genießen, wird der Sinn der vielen Aktivitäten auf den Straßen klar: Stadtmarathon in Kopenhagen (haben wir extra für Monrad arrangiert!)! Der Kurs führt unmittelbar am Liegeplatz vorbei. Es sind mehrere tausend Läufer unterwegs, ein Schauspiel.
Kurz nach Mittag legen wir ab, bei Wind umlaufend eins mit Beiboothilfe, draußen geht es dann mit achterlichem Wind und Schiebestrom flott voran. Gegen Mitternacht sind wir schon nördlich von Seeland auf Westkurs. in der Luft hängen Gewitter (80 sm).
Mittagsort: Kopenhagen, Hafen
23. Mai: Nachdem zunächst Flaute herrscht, kommt am frühen Morgen doch beständiger Wind auf. Das ist für die Querung des vielbefahrenen Tiefwasserwegs im Großen Belt beruhigend. Die zunächst sehr schlechte Sicht wird auch erheblich besser.
Der Weg nach Arhus wird ziemlich lang, denn in der Bucht weht uns der Wind genau entgegen. Es ist 20.00, als wir im Yachthafen festmachen. Am Steg gibt es Wasser und Strom, und ein ausserordentlich freundlicher Mensch verschafft uns Zugang zu den sanitären Anlagen des Clubhauses an Land.
Der Stegkopf, an dem ANITA liegt, ist nur halb so lang wie das Schiff. Viele der alten Fahrzeuge in der Nachbarschaft werden emsig restauriert.
Der "Wirtshausbesuch" unserer Jugendcrew ist eher teuer als erfolgreich und vergnüglich (35 sm).
Mittagsposition: 3 sm nördlich Sjaellands Rev
24. Mai: Nach einem gemütlichen Frühstück sind Vorbereitungsarbeiten angesagt. Smut Helmut will den Proviant ergänzen. Aloys, Monrad und Karin begleiten ihn auf seinem Einkaufsbummel. Die "Zurückgebliebenen" binden zwei Reffs in's Groß. Nachdem sich alle wieder an Bord eingefunden haben, gibt es des Smuts köstliche Suppe und eine deftige Brotzeit. Nach erledigter Backschaft legen wir um 13.30 ab.
Bei SW 5 kreuzen wir auf unter Vollzeug, allerdings mit zweimal gerefftem Groß. Gegen Abend nimmt die Windstärke bis auf zwei Beaufort ab, und wir schütten die Reffs aus. Der Weg nach Fredericia zieht sich, ein Anliegerkurs ist nicht drin.
Mittagsposition: Arhus Hafen
25. Mai: Unser Ziel haben wir stundenlang vor Augen. Kurz nach Mitternacht scheint der Wind ganz einzuschlafen. Zwei Stunden später kommt Wind auf - aus Süd. Endlich geht es voran. Bei Wachwechsel bergen wir das Großsegel und nach weiteren zwei Stunden, um 06.15 sind an der Pier im Hafen Fredericia die Leinen fest. Einige Stunden Schlaf und Ruhe im Schiff. Auch hier ein sehr netter Hafenmeister: da wir bald wieder ablegen, dürfen wir kostenlos liegen, der Strom, den wir bekommen, kostet auch nichts. Spätes Frühstück, duschen (oder umgekehrt), dann geht es weiter. Ablegen 11.30. Wenn "klar" auch "klar" ist, geht es natürlich leichter ... .
Der Skipper weiß aus Erfahrung, daß die Eisenbahnbrücke bei Middelfart hoch genug ist. Sie ist es tatsächlich! Die Reise durch den Kleinen Belt ist ein genußvolles Erlebnis. Wind, Wetter ... es passt! Den Alsensund lassen wir aus. Ein Fahrwasser, nur wenige Kabellängen breit und dann genau gegenan, das macht keinen Spaß. Um 20.00 fällt bei Mommark auf 5,9 Metern Wassertiefe der Anker. Auf die Kette kommt eines unserer neuen Reitgewichte, 25 Kilo Beruhigung für die Kette und die Crew. Ankerwache (53 sm).
Mittagsposition: Middelfart
26. Mai: Die Nacht war ausserordentlich gesellig (Frage: Was ist "Hðrnertee"?).
08.40 Ankerauf. Sonne, Wind, glattes Wasser, ein unvergesslicher Segeltag. Die Außenförde ist voll von Seglern aller Klassen. Bis Holnishaken segeln wir unter Vollzeug.
Die dann noch verbleibenden Meilen kreuzt ANITA auf unter Fock und Besan. Von Zeit zu Zeit fallen beachtlich kräftige Bðen ein. Es ist unterdessen so warm, daß (zum ersten Mal auf dieser Reise) Sommergarderobe möglich ist.
Der innerste Teil des Flensburger Hafens liegt voll in der Abdeckung. Die letzten Meter schiebt das Dinghi.
Als Liegeplatz hatte uns der Hafenmeister noch ein paar Stunden zuvor eine Stelle bei der ATLANTIK zugewiesen, einem angeblich auffälligen, großen, blauen Schiff. Wir geben uns alle Mühe, die ATLANTIK ist nicht zu finden. Deshalb machen wir am Kopf eines Gastliegersteges fest, von wo ein netter Mensch erst einmal ein Folkeboot an einen anderen Platz verholt. Um 16.15 sind die Leinen fest.
Der Hafenmeister taucht alsbald auf, um uns zunächst mitzuteilen, daß die ATLANTIK vor unserer Ankunft ausgelaufen sei. Ausserdem müssten wir verholen. Letztendlich können wir dann aber doch bleiben, und ANITA hat für die Zeit, bis die Nachfolgecrew kommt, einen ausgezeichneten Platz.
Die Ankunft in Flensburg wird verschönert dadurch, daß unser Nachbar für die gesamte Mannschaft eine Runde bestens gekühltes "Flens" spendiert. Wir revanchieren uns mit den letzten Flaschen Sekt. Nun ist ANITA innen trocken.
Der Abend klingt aus mit dem Skipperessen im Restaurant "Piet Henningsen" auf der gegenüberliegenden Hafenseite.
27. Mai: Reinschiff! Das Wetter spielt mit, Lüften und Trocknen geht flott voran und um 14.00 heißt es
ENDE DER REISE
568 Seemeilen sind wir gesegelt, eigentlich immer bei günstigem Wind und annehmbarem Wetter. Nur die Kälte während der ersten Tage der Reise war äußerst unangenehm. Es war anregender und spannender als im Voraus anzunehmen war, kurzum, es war eine schöne Reise.
Schwegenheim, 20. Juni 2005