Segeln mit der Königin

ANITA- Törn mit Skipper Tobias Simon vom 13.06-26.06.2005

Diese Reise wurde mit einer goldenen Plakette im Fahrtenwettbewerb der Kreuzerabteilung ausgezeichnet

Der Start

Du stehst da, ein leichter, kühler Wind zerrt an deiner Jacke und dein Blick wandert über den Flensburger Hafen. Es ist halb vier und nicht viel los heute am Sonntag. Es ist kühl und unfreundlich, regnerisch. Du willst dich eben abwenden und dann siehst du sie. Mit kaum Wind gleitet sie in den Hafen als würde sie schweben. Dann ein weites Ausholen eine elegante fast spielerisch kokette Wendung und sie schmiegt sich an den Steg, gelassen und lautlos.

Für unsere Vorgängercrew ist der Törn mit diesem perfekten Anlegemanöver vorüber. Wir werden sie morgen ablösen, werden dann 14 Tage Gelegenheit haben, mit einer Königin zu segeln, dem 12er ANITA der Segelkameradschaft Ostsee, einem 21 Meter langen Segelschiff mit 150 m² Segelfläche am Wind verteilt auf zwei Masten und ohne Maschine.

Mit Tobias, dem Skipper und Margitta dem Smut bin ich vorgefahren nach Flensburg. Später werden Petra und Heike aus München noch zu uns stoßen.

Ein wildes Durcheinander auf dem inzwischen festgemachten Schiff. Ein Teil packt und räumt für uns fünf die Kojen, andere machen das Schiff klar. Wir stehen auf dem Steg, gehören dazu und doch auch wieder nicht, denn wir sind zwar Segler wie sie, die meisten von uns kennen das Schiff von früheren Törns, aber sie sind eine Crew, zusammengeschweißt durch ein gemeinsames Segelerlebnis. Ihre Augen leuchten als sie von ihren Abenteuern erzählen, Abenteuer wie sie nur dieses ungewöhnliche Schiff mit seiner Eleganz, seiner Schnelligkeit und seiner schwierigen Beherrschbarkeit vermitteln kann.

Inzwischen ist der Nieselregen in Dauerregen übergegangen, es ist nasskalt und erste Zweifel kommen hoch. Wird ANITA auch für uns ein solches Hochgefühl bereithalten am Ende der 14 Tage, wenn es so niederschmetternd beginnt?

Am Abend lernen wir ersten fünf uns bei einem Abendessen ein wenig näher kennen und dann geht es ab in die Koje. Zumindest ist das die Absicht, aber zu viel Schlaf kommt es nicht in dieser Nacht, denn die Vorgängercrew feiert Abschied. Sie haben mit ANITA eine Regatta mitgesegelt, haben sich gut geschlagen, und sind stolz auf ihren Erfolg.

Am nächsten Morgen wird es schnell ruhiger auf dem Schiff. Die letzten der Vorgängercrew verabschieden sich hastig und verschlafen und einer sagt mit vielsagendem Lächeln:"Vergesst die Ankerkette nicht". Na ja wird schon nicht so schlimm sein, denkst du und schaust nachdenklich hin zu dem Poller, an dem eine dünne weiße Leine entlang in die Tiefe läuft.

Das Schiff gehört jetzt uns und wir bereiten uns vor zum Auslaufen. Nachmittags wird der Rest der Crew eintreffen Oliver, Ulf, Gernot, Holger und Ludwig.

Von den zehn Personen, die die nächsten 14 Tage auf dem Schiff auf engstem Raum zusammenleben werden, kennst du nur den Skipper. Wird das gut gehen? Wieder beschleichen dich Zweifel. Das Wetter ist inzwischen lebensfeindlich: ein Tief nach dem andern zieht durch die Förde mit kalten, heftigen Regenböen. Ein Teil der Crew geht einkaufen - die Frauen - der andere geht die notwendigen Kleinreparaturen an - die Männer.

Am späten Nachmittag, es hat wenigstens zu regnen aufgehört, aber es bleibt kalt und unfreundlich, treffen die restlichen fünf mit ihrem Mietwagen vollgeladen mit Getränken ein.

Namensverwechslungen: "Wie war das doch gleich, Du bist Gernot? - Nein, ich bin Oliver, aber wir werden ja in den nächsten Tagen genügend Gelegenheit haben, uns unsere Namen einzuprägen." Na, denkst du dir, Recht hat er ja, aber ein bisschen von oben herab, der Typ.

Alle packen mit an - die Frauen sind mit 13 Einkaufskörben voll Lebensmittel zurückgekommen - das Schiff wird verproviantiert bis die Bilge, Schapps und Stauräume nahezu überquellen.

Wir gehen auch erstmals das Petroleumproblem an. Eine unserer Vorcrews hat den Petroleumkanister nicht richtig gestaut, so dass ein Großteil davon in die Bilge floss. Das ganze Schiff stinkt bestialisch nach Petroleum, und wir spülen erstmals die Bilge aus. Das Geruchsproblem wird uns während der ganzen Fahrt verfolgen und so manches mal werden die verflucht, die dafür verantwortlich sind, denn offenbar haben die Verursacher wenig oder nichts dagegen unternommen.

Alles verstaut. Entspannung auf Deck. Das Wetter hat sich etwas gebessert, der Wind hat nachgelassen und es ist nicht mehr so kalt. "Ein Bier?" Klar, alle greifen zu, bis auf Margitta, die eigentlich, wie sie sagt, kaum Alkohol trinkt. Na, denkst du dir amüsiert, so viel zu Aussagen beim Crewtreffen vor dem Törn und der Realität. Damals hatten auf die Frage wer Bier wolle nur drei die Hand gehoben. Ist das nun ein gutes Zeichen für unseren Törn, oder ein schlechtes?

Der Skipper stellt seine Flasche weg. Er lächelt freundlich, verbindlich. Er ist unser Kamerad, aber, und daran lässt dieses Gesicht auch keinen Zweifel, er hat das letzte Wort. "Ich habe da noch zwei Aufgaben, die wir heute erledigen sollten", kommt es samtweich aus seinem Mund: "Segelstauen und die Ankerkette aufholen. Wenn wir uns ranhalten ist beides in einer Stunde erledigt. Dann gehen wir essen". Zuckerbrot und Peitsche, geht es dir durch den Kopf. Und dann, damit keiner mehr ausweichen kann, fallen Namen. Ich werde mit Ludwig die Segel stauen, die anderen werden die Kette, die die Regattacrew aus Gewichtsgründen im Hafen versenkt hat, wieder ins Schiff zurückkurbeln. 120 Meter Kette schön gewickelt und gestaut, na viel Spaß!

Du ziehst dich mit Ludwig in den Segelstauraum ganz vorn im Bug zurück, aber das ist auch kein Zuckerlecken, die Segel sind sperrig und schwer, das Schiff ist dort vorne sehr eng und um die Segel richtig zu stauen, müssen wir sie mehrmals her und hin räumen. Völlig verschwitzt zurück an Deck, dürfen wir noch den Rest Kette mit hochdrehen.

Eine Stunde, denkst du beim Blick auf die Uhr, der Skipper ist korrekt und er ist human, dass er die Stunde nicht näher geschildert hat. Aber, und das ist ein gutes Gefühl, jeder hat mit angefasst, keiner hat versucht, sich zu drücken. Nur, warum hat unser Skipper nicht darauf bestanden, dass diese beiden Arbeiten von der Vorcrew erledigt werden? War das ein erster Test wie es laufen wird mit uns?

Beim Abendessen dann sind alle ganz locker und voller Vorfreude auf unseren Törn. Man lernt sich etwas näher kennen und meine ersten Irritationen verschwinden, alle sind sehr nett.

Zurück an Bord muss ich erst eine Technik erfinden, um in meine Koje zu kommen. Mittschiffs schlafen die Frauen und Holger auf Grund seiner Länge. Achtern der Skipper und Wachführer Gernot. Im Vorschiff auf den beiden langen Kojen an Back- und Steuerbord Ulf und Oliver, die beide auch weit über 1,80 messen. So bleiben für mich und Ludwig nur die beiden vorderen Kojen an Back- und Steuerbord. Diese beiden Kojen haben nach oben das Problem dass sie nur ca. 50 cm Platz bis zum Deck haben und nach unten, dass, sind die Segel nicht gut gestaut, diese auf die Koje rutschen. Außerdem läuft am Fußende meiner Koje durch einen Schlauch die Ankerkette. Die Technik, um in die Koje zu kommen besteht also darin, bei Nacht mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen, um die Anderen, die in aller Regel vor mir in der Koje waren nicht allzu sehr zu stören, sich am Fußende der Koje um den Schlauch der Ankerkette zu winden, sich umzudrehen und auf dem Rücken in die Koje zu robben, sich zusammenkrümmen, in den Schlafsack einfädeln und sich langsam ausstrecken, Taschenlampe aus dem Mund nehmen, sich vorsichtig etwas aufrichten, um nicht den Schädel jetzt im Dunkeln an den Decksbalken genau über dir anzuschlagen und die Taschenlampe in das offene Schapp am Fußende der Koje legen. Wehe diese Reihenfolge wird nicht eingehalten, dann sitzt du mit gekrümmtem Rücken am Fußende deiner Koje, es ist Nacht und du kannst weder vor noch zurück.

Dann bist Du glücklich in der Koje. Du entspannst, lauschst auf das leise Gluckern der Wellen am Rumpf und willst gerade hinübergleiten ins Reich der Träume. Doch da "Kkkrrrrraaaach, Harrrrch, Pffffff, Stööhn, Ächchzzz und was der Schnarchlaute mehr sind tönt an Dein Ohr. Du lernst bereits in dieser ersten Nacht, ein Gegenmittel gegen Schnarchen an Bord gibt es nicht, also am besten ignorieren. Allerdings gibt es gewaltige Unterschiede in der Intensität des Schnarchens. Da ich häufig als Letzter in die Koje ging, kann ich beschwören, dass jeder an Bord geschnarcht hat, aber nur einer hat es geschafft vom Achterschiff bis ins Vorschiff durchzudringen, ihm gebührt die Ehre des Schnarchkönigs, es war nicht der Skipper.

Aber hast Du dich durchgerungen, alles, was dich stört zu ignorieren, wirst du von ANITA in einen tiefen Schlaf gewiegt.

Sonderburg

Am nächsten Morgen kommen wir an Deck, die Sonne scheint und es geht ein leichter Wind, der ANITA sanft gegen die Pier drückt. Unsere Nachbarn, die mit uns mit ihrer Helmsman im Päckchen liegen, Volker und Ellen schlafen noch.

Margitta macht ihr erstes Frühstück und zeigt ihr Können. Sie ist sicher nach unserem Skipper die wichtigste Person an Bord, denn Seeluft macht hungrig und nichts ist für die Stimmung an Bord abträglicher als Essen, das nicht schmeckt. Aber Margitta meistert diese Aufgabe während unseres ganzen Törns mit Bravour, großem Geschick und einer Aufopferungsbereitschaft, die ich rückhaltlos bewundere. Man muss bedenken, sie zahlt genau dasselbe für diesen Törn wie wir und der Skipper, hat Urlaub genommen wie wir und stellt sich dafür täglich und bei jedem Wetter an den Herd, um uns zu verköstigen. Vom Segeln hat sie also kaum etwas. Sollte, so geht es mir durch den Kopf, dies nicht etwas honoriert werden, vielleicht dadurch, dass der Smut nur die Hälfte der Törngebühren bezahlt?

Am späten Vormittag legen wir ab nach einer sorgfältigen und interessanten Einweisung in das Schiffshandling durch unseren Skipper Tobias. Da der Wind nach wie vor auflandig ist, schleppen uns unsere Freunde mit ihrem starken Diesel aus dem Hafen. Bald werden wir erleben, dass Ab- und Anlegen mit ANITA nicht immer so easy gehen wie heute früh, sondern, dass gerade diese beiden Manöver der eigentliche Kick beim ANITA-Segeln sind.

In der Förde heißt es Schleppleine los und Segel hoch. Unsere Königin erwacht zum Leben und legt sich sanft in die leichte Dünung. Dann hoch an den Wind, jetzt wird sie vom stolzen, sanftmütigen Schwan zum ungeduldigen Rennpferd und zieht mit schäumendem weißem Bug ihre Bahn durch die blaue See. Kurs Sonderburg.

Auch Volker und Ellen haben Segel gesetzt auf ihrer MATA-HARI und wie immer, wenn schnelle Schiffe zusammen segeln, kommt sofort ein klein wenig Regattafieber auf. Wie schnell ist die Helmsman gegen den 12er, fragst du dich und gehst sehr sorgfältig Ruder. Der Abstand vergrößert sich zu Gunsten ANITA, ein Highlight ein solches Schiff zu segeln!

Ob es so geblieben wäre steht in den Sternen, denn unser Skipper hat einen Plan. Die Wetterbedingungen sind ideal, um das entscheidende Sicherheitsmanöver, das Boje-über-Bord-Manöver auszuprobieren und zu üben. Wir suchen eine Boje, an der wir üben können und finden einen roten Luftballon im Wasser treibend etwa so groß wie ein menschlicher Kopf. Unter Fock, Groß und Besan fahren wir fünf Versuche, wobei wir erst bei den beiden letzten tatsächlich die Chance gehabt hätten, den oder die über Bord Gefallene heraus zu holen. Dabei haben wir blauen Himmel mit Sonne, kaum Seegang und nur Wind um 3Bft. Was aber wäre bei Nacht, Sturm und schwerer See? Also besser nicht ins Wasser fallen, sagst du dir und alle sind sich einig, lieber früher den Lifebelt anziehen als zu spät.

Dicht vor der Einfahrt zum Sonderburger Hafen wird das Groß geborgen.

Erwähnenswert ist dies deshalb, weil es ein zweites Dauerproblem des Törns war und ein, wie ich meine, gefährliches dazu. Bei jedem Schiff, auf dem ich bisher gesegelt bin, fiel das Großsegel nach Lösen des Großfalls durch auf den Baum. Nicht so bei ANITA. Hier wurde aus unerfindlichen Gründen etwas gebaut, was man eigentlich nicht verstehen kann. Die Rutscherschiene des Großmastes ist zum einen zu kurz, weiterhin verkanten die Rutscher im unteren Bereich. Um das Großsegel also ganz herunter zu bekommen, muss jeweils einer über zwei Trittstufen auf den Großbaum klettern und mit lang ausgestrecktem Arm über sich den Segelkopf zu erreichen versuchen, und diesen mit viel Kraft herunterziehen, was nur geht, wenn unten ein Zweiter das Fall an der Winsch nachführt. Es gehört wohl nicht viel seglerische Phantasie dazu, sich vorzustellen wie gefährlich ein solches Handicap bei viel Wind und starkem Seegang sein kann.

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Alles gesetzt                                            Segeln bei Nacht

Einlaufen in den Hafen von Sonderburg. Unser erstes Abenteuer. Der Hafen ist groß genug, so dass wir mit ANITA gut manövrieren können. Wir fahren ein, zwei Kringel und lassen die Situation auf uns wirken. Dann sehen wir Ellen und Volker, die mit ihrer MATA-HARI einen Platz an der Pier für uns blockiert haben. ANITA könnte genau da hin passen, also zwischen einen Küstenmotorsegler mit weit ausladendem Bugspriet und einer etwa 15m Kunststoffyacht. Der sanfte Wind ist leicht ablandig, ANITA nähert sich in steilem Winkel der Pier. Im Bugkorb einer, der mit der Vorleine an Land springen wird, ein Zweiter an der Spring zum Abstoppen des Schiffs, ein Dritter an der Achterleine. Der Skipper neben dem Rudergänger gibt diesem Anweisungen wie er zu steuern hat. Alle sind ruhig und hochkonzentriert. Langsam, lautlos und geschmeidig wie eine Katze gleitet ANITA an die Pier. Aber plötzlich achtern ein Knirschen und Schaben. Es kommt von oben und entsetzt gehen alle Blicke zum Besan. Langsam aber unaufhaltsam wie in einem Albtraum schrammt das Backbordbesanstag am Klüvernetz des Motorseglers entlang und die Saling knickt leicht nach hinten. Aber dann ist der Spuk auch schon vorbei und von hilfreichen Händen werden die Leinen angenommen. Wir sind fest. Ist überhaupt etwas passiert? Wie sich schnell beim ruhigen Blick nach oben herausstellt, leider ja. Die Saling ist im Beschlag gebrochen und muss ausgebaut und repariert werden. Das ist dann unsere Abendunterhaltung in Sonderburg. Ob jemand böse oder sauer war? Mir ist nichts bekannt, im Gegenteil, wir gingen die Reparatur gemeinsam an, und allen war klar, wir hatten unsere erste Feuertaufe als Crew bestanden. Und noch etwas sollte erwähnt werden: Es gab keinerlei Vorwürfe. Der Skipper bekannte sich klar und unmissverständlich zu seiner Verantwortung. Spätestens da war jedem an Bord klar, dass wir einen guten Törn haben würden.

Ankern

Am nächsten Morgen haben wir wunderschönes Wetter aber keinen Wind. Doch unsere Freunde sind noch da. Sie nehmen uns auf den Haken, schleppen uns durch die Sonderburger Brücke hinein in den Als Sund. Eine wunderschöne Fahrt durch eine sanfte, saftig grüne Hügellandschaft. Dann etwa in der Mitte des Sundes kommt Wind, wir werfen los und verabschieden uns von unseren Freunden. Ab jetzt wird nur noch der Wind ANITA vorwärts treiben denken wir, aber ab und zu kommt es dann doch noch anders. Wir wollen eigentlich segeln bis Mittelfart, aber der Wind ist zu schwach und es wird überlegt zu ankern.

Irgendwann an diesem Nachmittag segeln wir elegant vorbei an einem kleineren Segler mit einem jungen Paar an Bord. Die Begegnung ist so nah und die beiden sind Deutsche, so dass es zu einem kurzen Wortwechsel kommt. Ja, sie wollen nach Mittelfart wie wir. Schnell zieht unsere stolze ANITA vorbei und wir rufen noch: Sollen wir Euch ins Schlepp nehmen?

Vielleicht hätten wir das besser gelassen.

Bei der Vorbereitung des Ankermanövers bekommst du zunächst einen Schock. Da die Ankerkette weit hinter dem schweren Buganker unter Deck gestaut ist, wird die Kettenlänge, die gebraucht wird in langen Buchten auf das schöne Oregon Pine Deck der Anita gelegt. Beim Kommando "Fallen Anker" wird sie dann über das Deck in die Tiefe gerissen. Wenn du selbst ein Holzschiff hast, auf dem jede Ankerkette verpönt ist, aus Angst das Deck zu beschädigen, bist du verblüfft, dass jedes unserer Ankermanöver ohne Decksblessuren vonstatten ging.

Kaum lag der Anker in der Bucht von Fons Vig, packten Oliver, der inzwischen von allen Olli gerufen wurde und Ulf die Angeln aus. Die beiden sind leidenschaftliche Angler und so wurden keine Mühen gescheut, um etwas für unser Abendessen zu fangen, denn wir lagen "mitten im Fisch".

Sogar das Beiboot wurde dafür zu Wasser gebracht. Eine mühsame Sache, denn das schwere Gummiboot muss über die Reling gehievt werden, Motor und Tank müssen ins Beiboot, bevor es los gehen kann. Allerdings eine gute Übung , die uns bald sehr nützlich sein würde. An diesem Abend waren aber alle Anstrengungen vergeblich und so füllte Margitta mit einem schmackhaften Abendessen aus Bordverpflegung unsere hungrigen Mägen und wir genossen den Sonnenuntergang.

Spinnakersegeln, oder die Rache der Ente.

Das Aufholen des Ankers hatten wir schon im Flensburger Hafen geübt, sodass 30m Kette für uns eine Kleinigkeit waren. Was wir noch nicht kannten, war wie es aussieht, wenn Kette und Anker tief im stinkenden Schlick einer Bucht lagen. Da wir nicht neben Petroleumgestank auch noch vom Schlickgestank gepeinigt werden wollten, säuberten wir die Kette beim Aufholen mehr oder weniger Glied für Glied, so dass unser Skipper spöttisch meinte, wir hätten "die Möglichkeit gehabt, uns mit jedem Glied einzeln anzufreunden". Nur, er schlief ja auch nicht im Vorschiff neben der Kette.

Bei schönem Wetter segeln wir so dahin, gesetzt sind Genua, Groß und Besan. Der Skipper macht uns bekannt mit den Sicherheitseinrichtungen an Bord. Besonders bleibt dir im Kopf: "Keine Panik – nicht zu früh schießen – aufpassen auf die Segel." Und du denkst dir, hoffentlich komme ich nie in eine Situation, wo ich das anwenden muss, denn mit Rettungsmitteln üben ist nicht!

12.15 segeln wir mit weit im Nacken liegenden Köpfen durch die Brücke von Middelfart. Eine solche Brückendurchfahrt, bei der der hohe Mast der ANITA fast die Brücke zu berühren scheint, ist immer wieder spannend. Man weiß, die Brücke ist hoch genug, und doch spielt einem bei der Annäherung das Gefühl immer wieder einen Streich. Mein Gott, so denkt man plötzlich, reicht das wirklich?

Spät am Nachmittag schaut einer von uns zurück, wohl mehr zufällig, denn seit Stunden segeln wir allein. Gar nicht weit hinter uns segelt ein wesentlich kleineres Schiff. Wir haben Backstagsbrise und sie haben den Spi gesetzt, wir dagegen haben nur die Fock ausgebaumt. So kommen sie rasch näher und wir erkennen bald, es ist die Yacht von gestern, der wir so großzügig einen Schlepp unter Segeln angeboten haben. Du denkst, man begegnet sich eben manchmal zweimal im Leben, oder vielleicht auch, die Ente schlägt zurück. Du machst den Vorschlag Spinnaker zu setzen, um ANITA, dem Schwan, diese Schmach zu ersparen. Und siehe da, der Skipper und die Crew haben wohl ähnliche Gefühle. Also holen wir den Spi hoch und aus dem Sack. Die kleine Yacht fährt jetzt ebenso elegant an uns vorbei wie wir gestern, das Paar winkt und lacht.

Der Spi wird über zwei Bäume gefahren und steckt in einem Bergesack. Das erste Setzen geht schief, da sich die Rollen des Bergesacks heillos verheddern, weil die Vorcrew den Spi nicht korrekt eingetütet hat. Dann aber klappt es und wir genießen das einzigartige Gefühl mit einem 240m² Spinnaker zu segeln. ANITA wird vom dümpelnden Tölpel zum Schwan, der mit stolz gespreiztem Gefieder schnell das kleine Entchen einholt und majestätisch an ihm vorbei zieht.

Nach fünf herrlichen Segelstunden holen wir den Spi ein, was mit dem Bergesack ein Kinderspiel ist. Mittlerweile ist es viertel nach elf und weit und breit weder Hafen noch Ankerplatz in Sicht, also werden wir weitersegeln. Wir fahren ja ohnehin nach einem zweier Wachrythmus, so dass jetzt die Freiwache bis 3 Uhr früh in die Koje kann, dann sind die anderen bis 7 Uhr früh dran. Es wird eine schöne Fahrt durch eine Nacht die hier nur gute drei Stunden dauert, denn es ist der 17. Juni, also noch 4 Tage bis zu Midsommernacht.

Die Taube von Anholt

Plötzlich ist sie da, die Taube. Sie kreist einmal um das Schiff und lässt sich nieder auf Deck. Sie sitzt im Schutz des Beiboots.

Voraus liegt Anholt und es kommt dir nach dieser durchsegelten Nacht ohne Landsicht plötzlich so vor als wären wir lange unterwegs und sie wäre der erste lang ersehnte Gruß vom Land. Natürlich weiß dein Verstand dass das Blödsinn ist, aber die Gefühle auf See gehorchen ihren eigenen romantischen Regeln und so liebst du diese Taube, obwohl du Tauben im Allgemeinen hasst. Und die Taube bringt uns Glück.

Ein Anlegemanöver liegt an im engen Hafen von Anholt, auf den wir mit Windstärke vier bis fünf zu laufen. Der Himmel ist bewölkt und regnerisch,

Das Groß wird geborgen. Dann vorbei an den Molenköpfen von Anholt, rechts von uns Untiefen. Im Hafenbecken eine unliebsame Überraschung: Die Pier, die im Hafenhandbuch eingezeichnet ist, ist nicht vorhanden und an der langen Mole ist nichts frei, andere Plätze sind für ANITA nicht möglich. Im Hafen ist kaum noch Wind. Das Schiff fängt langsam an unkontrolliert zu treiben. Erst jetzt erfahren wir eigentlich was für einen umsichtigen Skipper wir haben. Er hat nämlich den leichten Heckanker nach vorn bringen lassen. Der wird jetzt ausgebracht und hält das Schiff zumindest so lange bis das Beiboot im Wasser und startklar ist. Obwohl die Situation kritisch scheint, bleibt alles ruhig an Bord. Die Crew funktioniert als würde schon lange zusammen gesegelt, unser Skipper bleibt absolut cool. Da legt ein Boot von der Pier ab und wir verholen uns mit dem Beiboot in die Lücke als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt – und so ist es ja auch bei der Crew und dem Skipper, denkst du dir.

9.15 Uhr sind wir fest, klatschnass, weil es bei unserem Manöver angefangen hat zu regnen, und niemand mehr die Zeit hatte mehr als die Öljacke anzuziehen. Wir sind durchgefroren, und genießen den Anlegergrog. Dann gibt es eine kleine Feier für Margitta, denn sie hat heute Geburtstag, was nicht heißt, dass sie von ihrer Aufgabe entbunden wäre. Ihr Geburtstagsmenü kocht sie selbst und es schmeckt wie immer hervorragend.

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Die Crew                                                             Etwas Überhang                                                          Segelmanöver

Die Taube hat ihre Schuldigkeit getan, sie hat uns Glück gebracht, denn alles Können bei einem solchen Anlegemanöver nützt nichts ohne ein Quentchen davon. Wir bringen sie von Bord.

Das Wetter klart auf im Lauf des Tages, doch der Wind nimmt stetig zu. So fällt die Entscheidung am nächsten Tag noch hier zu bleiben.

Man kann nicht viel tun in Anholt und vielleicht macht gerade das den Reiz der Insel aus. Dieser und der nächste Tag - ein Tag voll Sonne, blauem Himmel und Sturm - vergehen mit spazieren gehen, Muschelsuchen, Besichtigen des Ortes mit seiner Kirche mit Schiffsmodellen, Lesen in den Dünen und Margittas Kochkünsten wie im Fluge.

Gegen Abend flaut der Wind ab und es wird überlegt wie es weitergehen soll. Eigentlich ist das Wunschziel Göteburg. Karten werden gewälzt, die Wettermeldungen vom Wetterfax diskutiert. Es gibt keine andere Lösung. Heute ist Samstag. Nächsten Samstag wollen wir bereits in Kiel sein und alle Wetterdaten weisen auf schwache Winde hin. Wir müssen zurück. Aber unser Skipper verspricht uns eine schöne Rückreise und er wird sein Versprechen mehr als einhalten.

Die Unruhe des Skippers, die Crew und die Ankunft in Ebeltoft.

Wenn wir gezwungen sind im Hafen zu bleiben, wird unser Skipper nervös. So heißt es um 3 Uhr früh aufstehen. Um 4 Uhr laufen wir aus, problemlos, denn wir haben tags zuvor nach Anweisung die Yacht herumgedreht, so dass sich ANITA jetzt bei schwachem, auflandigen Wind unter Fock und Besan von der Mole löst, leicht wie eine schöne Frau sich morgens aus dem Bett erhebt. Ja, denkst du, wenn man weiß wie es geht, alles kein Problem, weder das mit den Schiffen noch das mit na ja......

Unser Ziel ist das kleine Städtchen Ebeltoft mit einer besonderen Attraktion speziell für Segler, dem Museumsschiff der Fregatte Jylland. Leider schläft der Wind immer mehr ein. Es ist heiß. An Bord wird gedöst, gelesen und Skat gespielt. Plötzlich drängt sich auch niemand mehr, Ruder zu gehen. Die Ruhe der Flaute legt sich wie ein schwerer Teppich auf das Schiff.

Unser Skipper hat sich zum Mittagsschlaf in die Koje zurückgezogen und so will ich die Gelegenheit nutzen, kurz die Crewmitglieder zu beschreiben wie sie mir im Gedächtnis geblieben sind. Der Skipper und Smut sind schon zur Genüge erwähnt, nicht aber Gernot der Wachführer. Er ist der Älteste an Bord, sehr umsichtig und gewissenhaft, aber manchmal auch etwas fahrig. Segeln ist für ihn vor allem die Theorie, die Navigation, das eigentliche Segeln überlässt er gerne anderen in seiner Wache.

Soweit die Schiffsführung, nun zur Crew, aufgeteilt in Steuerbordwache und Backbordwache. Olli, der zunächst ein wenig kühl wirkt, ist das ganz und gar nicht. Sehr guter Navigator, wie sich noch zeigen wird, leidenschaftlicher Angler, guter Skatspieler, hat zu wenig Socken dabei und auch die längste Koje ist für ihn noch zu kurz. Heike, gut aussehend, durchtrainierte ehemalige Ruderin und so kräftig, dass sie sich zutraut den nicht leichten Außenborder ins Beiboot zu heben und dort festzuschrauben, wovor sich manche Männer der Crew drücken, unter anderem ich, verbessert an Bord mit Holger und Olli ihr Skatspiel. Holger der perfekte Praktiker ohne den wir nie die Saling hätten so perfekt reparieren können, dabei ein exzellenter Segler, der sich –nicht ganz ernsthaft- unter der großen Beltbrücke überlegt, auszusteigen, weil dort die 300 Seemeilen erreicht sind, die er als Praxis für den SKS-Schein nachweisen muss. Petra, zum ersten Mal auf der ANITA, sehr engagiert aber sehr zurückhaltend, als wisse sie nicht, was von alldem, dem sie da täglich ausgeliefert ist, zu halten sei. Ulf, ein Bär von Mann, mit Kraft für zwei, neben dem ich wirke wie ein schmächtiger Zwerg. Freundlich, immer hilfsbereit, so bescheiden, dass ich Bauklötze staune als er ein wenig über sich und seine ANITA Erfahrung erzählt. Ludwig, ebenfalls zum ersten Mal auf der ANITA, ein Regattasegler wie ich, ein nimmermüder Rudergänger, der sogar bei der Steuerbordwache Überstunden macht, wenn diese verwöhnten Schönwettersegler, die behaupten, sie wären schneller als die Backbordwache, keine Lust haben bei Regen Ruder zu gehen. Über mich gibt es nicht viel zu sagen, gegenüber den Langen ein Zwerg, der versucht sein Bestes zu geben.

Der Skipper streckt den Kopf aus dem Niedergang, ausgeschlafen, stark motiviert, etwas zu tun, das träge Schiff aus seiner Erstarrung zu reißen.

Aber was könnte das sein? Obwohl rührt sich da nicht etwa der Wind? Und tatsächlich, es kommt Wind auf, ein bis zwei Bft. Aus Südost. Der Skipper kommt an Deck, steht da auffällig unauffällig. Dann "Boje über Bord", und er schleudert einen Fender in die See, von dem keiner weiß, wo er ihn her hat. Aber unter Gernots Kommando klappt das Manöver perfekt. Auf Anhieb wird der Fender geborgen. Großes Lob vom Skipper, Zufriedenheit bei der Crew.

Eine halbe Stunde später ist der Wind wieder weg. Es ist 17.30 Uhr und wir stehen kurz vor Ebeltoft. Wir bringen das Beiboot zu Wasser und schleppen ANITA in den Hafen. Die Schiffe liegen zwischen Dalben, die so kurz und eng stehen, dass es fraglich ist, ob ANITA dazwischen passt. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, also was tun. Unseren Skipper lässt diese prekäre Lage wie üblich kalt. Ruhig kommt seine Anweisung. Das Beiboot soll ANITA kurz vor eine Dalbenbox manövrieren, sich dann los werfen und mit dem Restschwung wird ANITA in die Box gleiten und dort abgebremst. So geschieht es auch, allerdings wird bei dem Bremsmanöver ein Fender an dem abgeschnittenen Bügel des Bremspollers der ANITA zerstört.

Am 19. Juni 19.00 sind wir fest in Ebeltoft zwischen Dalben liegend wie ein kleines Sportboot. Wenn das nicht Timing und Können ist!

Abends ein Spaziergang durch die alte Innenstadt von Ebeltoft, die eigentlich nur aus einer langen Straße besteht, deren Häuschen wirken wie aus der Puppenstube. Ebeltoft ist bekannt für seine Glasbläsereien, aber es ist Sonntag und die Kaufwilligen müssen warten bis morgen.

Aber schon heute hält Ebeltoft etwas Besonderes bereit: Comfortwaschhäuschen mit Toilette, in denen man allein ist und duschen kann solange man will und das alles kostenlos. Das heißt kostenlos ist natürlich nichts in einem Hafen, da ja immer die saftigen Liegegebühren für das Schiff gezahlt werden müssen, aber in allen anderen Häfen kamen dann noch zusätzlich Dusch- und teilweise sogar Toilettengebühren dazu.

Das Duschen geht dann normalerweise so. Du gehst in Deine Duschzelle, wirfst die zuvor gekaufte Münze ein, versuchst möglichst schnell die für dich geeignete Wassertemperatur zu finden, wäschst dir die Haare und seifst dich im Eiltempo ein, denn nach drei Minuten stoppt der Wasserstahl abrupt.

Also Duschen war normalerweise Stress – nur hier war es fast wie zu Hause.

Wobei angefügt werden soll, dass man sich auf ANITA natürlich auch waschen kann (eine Dusche gibt es nicht), und dass ich manchmal den Eindruck hatte, dass das Bewusstsein, möglicherweise morgen nicht duschen zu können, bei manchem zu einem regelrechten Waschzwang führte.

Den nächsten Morgen ließen wir ruhig angehen, denn das Museumsschiff öffnete erst um 10.00Uhr. Unser Skipper ersetzte den gestern zerstörten Fender, und Ludwig kaufte Glasgeschenke und blockierte damit einen Teil unseres Wäscheschranks für den Rest des Törns.

Die Besichtigung der Jylland war ein Erlebnis, einmal weil die Fregatte fantastisch erhalten ist, zum anderen, weil es einen hervorragenden Prospekt gibt, der sehr genau das Leben und Leiden der Seeleute auf diesem Kriegsschiff erläutert. Kommt man selbst von einem alten Segler, bei dem die Ankerkette auch noch von Hand über ein Gangspill eingeholt wird, so kann man sich gut vorstellen, was es bedeutet auf der Jylland die insgesamt 8 Anker, wovon die vier Schweranker je 2,5 Tonnen wogen, zu bewegen. Es gab soviel zu bestaunen, dass es 13.30 Uhr war als wir wieder ablegten.

Unser Erlebnis an der Großen Belt Brücke, Ankunft in Nyberg

Bei zunächst leichtem Wind segeln wir zurück. Spät abends (21.00 Uhr) trainieren wir Reffen des Großsegels, kein leichtes Unterfangen, da wegen der zu kurzen Mastschiene die Mastrutscher ausgefädelt werden müssen, um das Reffauge einhängen zu können.

Für Heike wird dies ein besonderer Tag: Sie fährt ihre erste Wende am Ruder der ANITA. Dazu muss man wissen, dass sie schon einen ANITA Törn hinter sich hat, von den Azoren an die spanische Küste, aber diese ganze Strecke nur auf Steuerbordbug.

22.50 Uhr fällt der Anker im Kalundberg Fjord vor Asnäs.

Für diese Nacht hat sich unser Skipper eine neue Feinheit ausgedacht: Ankerwache. Es ist eine wunderschöne Nacht, warm, aber leider bedeckt.

Am nächsten Morgen dann mehr Wind. Wir reffen das Groß und kreuzen in Richtung der Brücke über den Großen Belt, die wir bald von Ferne sehen. Ein gigantisches und doch schönes Bauwerk, das nachdrücklich zeigt, wozu der Mensch fähig ist. Und es geht dir durch den Kopf : Hoffentlich endet diese Brücke nicht so wie die über den Tyne in Schottland, die durch einen fürchterlichen Gewittersturm zerstört wurde, denn diese Brücke hat auch etwas Maßloses.

13.45 nehmen wir über Funk Kontakt auf mit Great Belt Traffic und man empfiehlt uns zwischen der Insel Sproge und Pillot(M) zu passieren. Der Wind schläft zunehmend ein. Um 15.00 reffen wir aus und wechseln die Arbeitsfock gegen die Genua. 16.50 Uhr sind wir knapp vor der Brücke und der Wind ist weg, dafür haben wir starken Strom gegenan, der uns langsam zurücktreibt. Der Skipper übernimmt das Ruder nach dem Motto, wenn der Chef die Sache in die Hand nimmt .....!

Aber auch er kann den Wind nicht herbeizaubern, gnadenlos treibt uns die Strömung zurück. Aber, da naht Hilfe. Ein deutscher Segler, ein größeres Schiff nähert sich und nach kurzem Zögern schleppen sie uns für eine Flasche Riesling unter der Brücke durch. Das ist echte Segelkameradschaft, Dank an Huppex-X vom FSC.

Mit dem abnehmenden Wind am Nachmittag wurde es immer schwüler, Luftfeuchtigkeit von 80% und fallendes Barometer, dazu immer stärkere und dunklere Bewölkung. Jetzt hinter der Brücke steht rechts von uns eine drohende schwarze Wand. Und der Wind kommt zurück, zunächst moderat mit 2 bis 3 Bft und wir setzten Genua und Groß, die wir zum Schleppen geborgen hatten. Dann aber geht es Schlag auf Schlag: Der Wind brist stark auf, wir wechseln die Genua gegen die Arbeitsfock und reffen das Groß. Jetzt zeigt sich das Training, denn alles klappt wie am Schnürchen.

Wir kreuzen nach Sicht zum Westhafen von Nyborg und unser Skipper fährt mit einem perfekten Anlegemanöver die ANITA an die Pier. Dort werden uns die Leinen von alten Bekannten abgenommen. Segler der Bundeswehr sind hier mit dem 10 KR Schiff "Monsun", auf dem sie eine Ausbildungsfahrt machen. Sie kennen die ANITA, denn sie sind auf den Bundeswehrzwölfern "Ostwind" und "Westwind" schon gegen sie Regatta gesegelt.

Kaum sind wir richtig fest, ordnet der Skipper an, die gesamte Achterlast auszuräumen, um endlich die Bilge von Grund auf durchzuspülen, denn heute Mittag bei dem schwülen Wetter war der Petroleumgestank wieder unerträglich. So gibt es auch keinen großen Protest, obwohl es schon spät ist und wir uns eigentlich auf ein Abendessen gefreut haben. Dann aber verschwindet unser Skipper. Kurz vor 21.00 kommt er gut gelaunt zurück und teilt uns mit, dass wir das Schiff verlegen müssten in den Osthafen, denn dort gäbe es Strom und Wasser. Wahrscheinlich hätte es das auch hier gegeben. Es kommt dann heraus, dass unser Skipper eingeladen war auf der "Monsun" und dass er wohl die Einladung gerne erwidern würde.

Wir fügen uns, sind aber nicht begeistert. Einmal abgesehen von dem Aufwand – Achterdeck aufräumen, Bilge Putzen, Achterlast einräumen, Beiboot ins Wasser für das Umlegen des Schiff, das Manöver selbst – haben wir eigentlich keine Lust, noch lange aufzubleiben.

Spät gibt es dann doch noch, nachdem ANITA neben der "Monsun" liegt, und die Achterlast neu eingeräumt ist, ein Abendessen. Und was für eines! Als ob Neptun gewusst hätte, dass wir heute Abend etwas ganz Besonderes brauchen würden, hat er unseren Anglern gestern einen Prachtfang geschenkt, den ersten und einzigen des Törns. Es gibt Plattfisch satt, sehr gut zubereitet von Margitta, die so den Abend doch noch rettet.

Befriedigt und besänftigt gehen dann einige mit unserem Skipper danach mit ein paar Bier auf die "Monsun".

Jollensegeln mit ANITA, Traumliegeplatz in Svendborg

Am nächsten Morgen schleppt uns die "Monsun" aus dem Hafen. Heute haben wir richtig Wind, NW 6 zunehmend, und so reicht uns die Arbeitsfock, um mit 8 bis 9 Knoten unserem Tagesziel Svendborg entgegen zu jagen. Svendborg ist nur zu erreichen über den engen Svendborg Sund. Bei dieser Wetterlage müssen wir durch den Sund kreuzen, wenn wir Svendborg direkt ansteuern wollen, oder aber wir müssen um Langeland herum, was 90 Seemeilen Umweg bedeutet, und dann von Westen kommend mit Backstagswind durch den Sund. Unser Skipper entscheidet sich für die direkte Route. Kurz vor Einfahrt in den Sund übernimmt er das Ruder. Wir setzten den Besan und das Groß mit zwei Reffs, um mehr Höhe laufen zu können. Und dann geht es mit sechs Windstärken, blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein durch ein Fahrwasser teilweise enger als der Rhein. Unser Skipper segelt ANITA wie eine Jolle im Zusammenspiel mit Olli an der Karte, der die Tonnen abhakt und ihm jeweils angibt, wo er etwas über den Tonnenstrich hinaus kann. Es ist ein Erlebnis der besonderen Art und für uns alle sicher das seglerische Highlight des Törns. Von dem besonderen landschaftlichen Reiz des Sundes bekommen wir allerdings nicht so viel mit, denn im Minutentakt heißt es "Klar zur Wende" und "Re".

Der Hafen von Svendborg ist voll, aber wir entdecken einen schönen Platz an einer langen Pier, an der mehrere alte, größere Traditionssegler liegen. Die Pier ragt etwas in den Sund hinein, der Wind hat zwar etwas abgenommen, ist aber noch deutlich auflandig. Kann man trotzdem anlegen? Unser Skipper kann es. Das Groß wird geborgen. Durch einen Kringel nimmt er Fahrt aus dem Schiff und ANITA gleitet sanft an die Pier.

Abends besichtigen wir Svendborg, und gehen gepflegt Fisch essen. So gut unsere Bordverpflegung auch ist, Essen gehen ist auf einem Törn ein kleines Fest.

Wieder mal ankern und Neptuns Besuch

Am nächsten Morgen ist der Wind weg. Es ist sehr heiß. Unser Skipper ist unglücklich, man sieht es ihm förmlich an, er will weiter und kann nicht und das nach einem solchen Segeltag gestern.

Ein Teil von uns geht in das Stadtmuseum von Svendborg und schaut sich alte Scherben und Klamotten an. Für das weit interessantere Seefahrtsmuseum bleibt leider keine Zeit, da wir in jedem Fall mittags los müssen, damit unser Skipper nicht schwer depressiv wird.

Und siehe da, mittags kommt etwas Wind, jedenfalls soviel, dass es reicht aus dem Sund hinaus zu kreuzen, zumal mittlerweile der Strom gekentert ist und uns mit 1,5 Knoten zusätzlich unterstützt.

Wir segeln so dahin - Bordroutine - bei warmem Wetter und wenig Wind. Kurz nach 20.00 Uhr fällt der Anker nördlich Aerö. Unser Skipper hat einen wunderbaren Platz ausgesucht. Ringsum am Land brennen die Midsommernachtsfeuer und die Sonne versinkt als glutroter Ball im Meer. Du denkst dir, nun warst du schon fast überall auf der Welt und doch kann es vor der Haustüre schöner sein als auf Hawaii.

Die reichlichen Schlucke, die Neptun beim An- oder Ablegen vom Skipper zugeteilt wurden, müssen ihm gefallen haben, denn kaum war die Sonne versunken, kam er an Deck, um die drei Ungläubigen Heike, Petra und Ludwig zu taufen, und unter dem Motto "ANITA, Kameradschaft und Wind" in den Bund der ANITA Segler aufzunehmen, natürlich ANITA Stempel inklusive. Dieser Ankerplatz war das letzte Highlight unseres Skippers, aber ANITA hatte noch eine Überraschung in petto.

Rolling Home

Am nächsten Morgen 10.00 Uhr Anker auf und bei schwachem Wind und großer Hitze, gegen 18.00 immer noch 30 Grad, segeln oder dümpeln wir so vor uns hin. Abends duschen der Skipper und ich mit Seewasser aus der Pütz, sehr erfrischend und kaum salzig. Es kommt kurzzeitig etwas Wind und wir schaffen es vor die Schleimündung. Um allerdings auf eine vernünftige Ankertiefe zu kommen brauchen wir das Beiboot. 20.45 fällt der Anker auf 54° 30,8 N und 10° 14,8 E. Wir sind in Deutschland, also so gut wie zu Hause.

Aber doch, wie sich bald zeigt, noch nicht ganz. Du liegst in der Koje und hörst ein metallisches Klirren und Kratzen hell und bellend und schlagartig wird dir klar, dass kann nur die Ankerkette am Fuß deiner Koje sein. Du fährst hoch, schlägst dir den Schädel am Deckbalken an und du denkst, das letzte mal bei diesem Törn. Dann bist du an Deck. Erst jetzt schaust du auf die Uhr, es ist sechsuhrfünfundvierzig und es bläst ein kalter Nordost. Große Geschäftigkeit an Deck. Diesmal drehen die Frauen den Anker hoch und du sicherst ihn während bereits die Arbeitsfock hoch geht. Wir nehmen Kurs auf Richtung Kiel / Laboe, unseren Schlusshafen.

8.30 passieren wir bereits die nördliche Untiefe des Stollergrunds, Kiel Leuchtturm ist voraus. Wir segeln vor einer Gewitterwand her mit heftigen Schauerböen NW 5 bis 6 Bft. Gut, dass noch die Zeit war, das Ölzeug überzuziehen, denn jetzt zeigt uns die Ostsee, was sie drauf hat außer Sonne und Flaute. Trotzdem ist es ein schönes Segeln und ich genieße den Abschied von diesem schönen Schiff am Ruder.

Obwohl unser Skipper uns im Hafen von Laboe rechtzeitig angemeldet hat, ist dort die Pier, an die wir gehen sollen, nicht frei. In einem halsbrecherischen Manöver finden wir ein Plätzchen, um kurzzeitig fest zu machen bis der Hafenmeister erscheint und die Pier für uns frei räumt. Bei strömendem Regen verholen wir das Schiff. Ein letztes Mal hat unser Skipper gezeigt, dass es wohl nichts gibt, was ihn auf der Anita aus der Ruhe bringen kann. Aber doch ist es jetzt für uns alle genug. In Kiel werden wir mit ANITA nicht mehr segeln.

Bald klart das Wetter auf und wir treffen unsere Freunde Ellen und Volker, die da sind, um die Windjammerparade zu Ehren der Kieler Woche, die an diesem Wochenende zu Ende geht, anzusehen. Sie nehmen uns mit und wir fahren mit ihrer "Mata –Hari" mitten durch die Parade der Großsegler, die mit gesetzten Segeln von Kiel Leuchtturm zurück in die Förde fahren, ein unvergesslicher Anblick. Aber nicht nur das. Mittags sind diejenigen, die doch noch Lust zum Segeln haben eingeladen auf der "Mata-Hari" mitzusegeln. Es wird ein schöner, interessanter Segelnachmittag auf einem schnellen Schiff. Leider schläft am Nachmittag der Wind, der tagsüber mit 2 bis 3 Bft. geweht hat, ein, so dass wir mit Maschine zurück müssen.

Abends heißt es fast: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", denn 21.00 Uhr ist in den meisten Kneipen hier die Küche zu, und selbst wenn du mit zehn Mann fünf vor neun da bist, heißt es: "tut uns leid". Ja, wir sind in Deutschland, Dänen, ihr habt es besser. Glücklicherweise finden wir aber dann doch noch etwas und können den Tag mit einem schönen Essen ausklingen lassen.

Sonntag 26.6.05, unser letzter Tag an Bord. Sonnig, 25°, Wind N 1-2.

Wir machen klar Schiff für die nachfolgende Crew. Auftuchen und ordentliches Stauen der Segel, Auffüllen von Wasser, Benzin und Petroleum, Austausch der leeren Gasflaschen, vor allem aber gründliches Reinigen des Schiffs, einschließlich mehrmaligem Ausspülen der Bilge.

Mittlerweile haben wir den Petroleumgestank unserer Vorgänger weitgehend im Griff. Beim Putzen stellen wir fest, dass offenbar in manche Ecken nie jemand von unseren Vorgängern gekrochen ist. Schade eigentlich, denn ANITA ist doch eigentlich für uns alle mehr als ein Charterschiff, das man möglichst schnell nach Törnende verlässt, oder nicht?

Mittags ist die Arbeit getan und zum Abschied gönnen wir uns noch ein kulturelles Highlight, die Besichtigung des Marinedenkmals Laboe mit davor an Land liegendem U-Boot. Vor allem letzteres versetzt uns unmittelbar in den Petersen Film "Das Boot", während das Marinedenkmal vor allem durch seine Aussicht und seine Ausstellung besticht.

Mit exzellentem Backfisch endet, jedenfalls für die, die wie ich das bestellt haben, dieser Törn.

Fazit

Es war ein Törn der besonderen Art, dank einem besonderen Skipper und einer besonderen Crew. Wir haben zwar für ANITA Maßstäbe wenig gesegelt, nur 427 Seemeilen, aber wir hatten wunderbares Wetter und haben jeden Tag genossen, es war einfach ein rundum harmonischer Urlaub. Will jemand widersprechen, dann direkt an mich:

Wolfgang Lörcher