Törnbericht ANITA A4:
Von Stavanger nach Kristiansund
vom 31. Mai bis 10. Juni
Skipper: Uli Weih

Der Himmel ist aufgerissen, ein frischer Wind fegt die Wolken beiseite, die Sonne kommt durch. Es herrscht bestes Wetter als wir am Dienstagvormittag die Vorgänger-Crew um Peter Eider verabschieden. "Und gebt mir gut acht auf mein Mädchen!" gibt uns Peter zum Abschied noch mit auf den Weg "Wir versuchen unser Bestes", versichern wir ihm.
Am Nachmittag ist unsere Crew schon beinahe vollzählig auf der Anita versammelt. Wir inspizieren das Schiff, kontrollieren stehendes und laufendes Gut, füllen die Tanks, kaufen Unmengen von Vorräten ein. Abends dann gibt es etwas zu feiern: Mechthild hat Geburtstag! Es wird gekocht, erzählt, getrunken, gegessen und gelacht willkommen auf der Anita!

Am nächsten Tag hat der Wind deutlich zugelegt. Der Wetterbericht verspricht uns einen stürmischen Empfang auf See. Der Hafenmeister funkt für uns seine Kollegen draußen auf einer vorgelagerten Insel an. Die Norweger, die dort in einer Wetterstation ihren Dienst schieben, raten uns für heute dringend vom Auslaufen ab: "Windstärke acht zunehmend, eine ordentliche Welle von fünf bis sechs Metern, "and very rough sea". Unsere Entscheidung ist klar: wir bleiben noch einen Abend im gemütlichen Stavanger.
Am nächsten Morgen dann wolkenloser Himmel, der Wind zwar immer noch ganz schön frisch, aber schon etwas freundlicher. Los gehts! Der Hafenmeister von Stavanger erlässt dem "wunderschönen Schiff und der netten Crew" sämtliche Gebühren, und während wir uns auslauffertig machen, lernen wir einen freundlichen älteren Herrn kennen, der sich für die Anita begeistert. Er selbst engagiert sich für einen historischen Schlepper. Ein Wort gibt das andere und kurz darauf schleppt uns die "Poseidon" aus dem Hafen von Stavanger.

Durch Fjorde in Richtung Bergen
Bei schönen Bedingungen umsegeln wir die Insel Karmöy bevor es bei Sletta in den Hardangerfjord geht. Zwischen Stord und Tynes lassen wir Sotra linkerhand liegen und sind am Samstagmorgen gegen 2 Uhr in Bergen. Das Pfingstwochenende steht vor der Tür und der Hafen ist komplett voll. Zwar versichert uns der Hafenmeister, dass wir schon noch ein Plätzchen finden würden, doch vermutlich hat er die klare Information "22 Meters, no engine" nicht wirklich ernst genommen. Nach genauer Inspektion per Dingi ist klar: im Hafen gibt es nur vier Lücken, in die Anita überhaupt rein theoretisch passen könnte. Um es kurz zu machen: Wir haben viermal angelegt, die letzte Lücke war es dann. Um 5:30 Uhr liegen wir gegenüber der "Staatsrat Lehmkuhl". Jetzt erstmal in die Koje und Ausschlafen.

Am nächsten Morgen (oder besser: Nachmittag) entdecken wir Bergen. Das alte Handelsviertel mit den bekannten Holzhäusern, der außergewöhnliche Markt, auf dem man neben allen Sorten fangfrischen Fischs auch Wal oder Rentier bekommt, das Meeres-Aquarium in der Stadt gibt es einiges zu entdecken.
Am Sonntag soll es weitergehen. Ein hilfsbereiter Norweger verdient sich eine Flasche Sekt und schleppt uns aus dem Hafen. Schnell sind die Segel gesetzt und schon geht es durch die Askoy-Brücke in den Hjeltef-Fjord. Kreuzen bei frischer Brise im Fjord: herrlich. Die Crew ist mittlerweile sehr gut eingespielt und beherrscht das Handling der Anita auch bei schnellen Manövern problemlos. Direkt am Ufer geht es fast senkrecht in die Tiefe, wir nutzen den Raum und genießen eine großartige Bilderbuch-Landschaft.
Raue Bedingungen auf dem Atlantik
In der Nacht verlassen wir den geschützten Fjord, segeln raus auf den Nordatlantik. Hier empfängt uns eine ordentliche Welle, die alte Dünung läuft quer dazu zusammen ergibt das eine echte Bewährungsprobe für den Magen. Die Seekarte verzeichnet für diesen Küstenabschnitt "dangerous waves" also segeln wir raus und lassen deutlich Raum zur Küste. Nur unter der kleinen Fock und dem Besan rauscht die Anita mit 10 kn durch die See, bald ist die Küste außer Sicht. Wir genießen die Kontraste, die uns das Segeln in diesem Abschnitt bietet: eben noch zwischen den schroffen Felsen im Fjord, jetzt auf offener See.

In langen Schlägen geht es weiter Richtung Norden, vorbei an Bohrinseln, deren Versorger uns aufmerksam beobachten.
Bei Alesund geht es wieder zwischen Felsen hindurch in geschützte Gewässer. Im riesigen Hafenbecken von Alesund bewundern wir schmunzelnd die legendäre Untiefe, mit der Anita auf einem früheren Törn bereits einmal Bekanntschaft gemacht hatte. Anlegen am Industriekai. Der ist vielleicht nicht so idyllisch wie der Stadthafen, aber dafür gibt es hier Platz ohne Ende und Ruhe. Und die haben wir auch nötig.
Weiter geht es durch die Fjorde. Jetzt bekommen wir Norwegen a la Postkarte. Wir segeln durch den Julsundet, rechts und links liegt noch Schnee auf den Gipfeln. Der Wind passt und wir kommen gut voran. Am Abend dann Ankern in der kleinen Hukkelberg-Bucht. Nach einem ausgiebigen Abendessen sitzen alle noch lange an Deck, genießen die Stille dieser kleinen Bucht, bestaunen die Wolkenformationen. Zeit für Gespräche. Längst ist es Nacht, die Uhr zeigt zwei, aber es wird nicht mehr dunkel.
Am nächsten Morgen heißt es "Anker auf!" und wir segeln weiter. Ein Schiff begegnet uns, die Flagge "Uniform" ist gesetzt. Wir funken rüber, ein kurzes nettes Gespräch entwickelt sich: "Gute Wünsche für die Anita" nehmen wir mit auf den Weg. Heute ist Freitag, die Weltmeisterschaft wird eröffnet. Wir schielen auf die Uhr, wollen schnell ans Ziel. Und tatsächlich: um 18.30 Uhr liegt die Anita sicher und fest an der Pier in Kristiansund und wir können die zweite Halbzeit des Eröffnungsspiels noch in einer norwegischen Kneipe mitverfolgen.
