Anita Jugendtörn
Kalmar – Hanko – Helsinki – Tallinn
25. August bis 5. September 2007
Skipper: Andreas Neumann

 Die Jugend törnt...

Mit einer alten 12er ohne Maschine einen Jugendtörn zu fahren, ist ja ohnehin schon ein abenteuerliches Unterfangen. Schließlich braucht man für einen solchen Oldtimer eine erfahrene Crew, die mehrheitlich nicht nur das Segeln, sondern auch das Schiff kennt und beherrscht. Dennoch kamen immer mal wieder Jugendtörns zustande.
Was es aber wohl noch nie gab, war eine so junge Crew, wie wir sie diesmal zusammengebracht haben. Drei Fünfzehnjährige, vier Mittzwanziger und nur vier Oldies zum Ausgleich – das versprach eine spannende Mischung. Und so war das denn auch...

Eigentlich war geplant, keine großen Seestrecken zu segeln, sondern mit Rücksicht auf die junge Crew nur Tagesetappen durchzuführen und die Nächte vorwiegend vor Anker oder im Hafen zu verbringen. Also alles ganz anders zu machen, als Anita das so gewohnt ist.
Daraus wurde aber nichts, denn der Vorcrew ging bei der Anreise nach Stockholm, wo die Übernahme geplant war, der Wind aus und sie schafften es nur bis Kalmar. Daher organisierten wir uns ein paar Mietwagen und fuhren Anita ein paar hundert Kilometer entgegen.

 Freitag, den 24. August

Der erste Teil der Crew kommt mittags am Stockholmer Flughafen an. Weil ein Flieger Verspätung hatte, fahren wir erst am Nachmittag los und genießen gleich das Vergnügen des Stockholmer Rushhour-Staus. Der zweite Teil der Crew kommt noch in der Nacht an und kann sich schon einmal auf kurze Nächte an Bord einstellen.

 Samstag, den 25. August

Es folgt das übliche Ritual: einkaufen, bunkern, Schiff durchchecken, Segel rauszerren, gleich zwei Crewmitglieder in den Mast.
Am Abend ist die Crew endlich komplett, als Ted und Mathis eintreffen. Aber ihren Mietwagen können sie erst am nächsten Morgen zurückgeben, so dass wir uns noch eine Nacht im Hafen gönnen, bevor es losgeht.

 Sonntag, den 26. August

Bei schönstem Sonnenschein und westlichen Winden um 4 werfen wir um 9:30 Uhr die Leinen los. Mit herrlichem Sonnensegeln auf Halbwindkursen um 4-5 Bft ist die Einstimmung aufs Segeln bestens gelungen.
Unser Plan ist, an Stockholm vorbeizusegeln und erst in Mariehamn oder Hanko Landfall zu machen, damit wir für die finnischen Gewässer mehr Zeit haben. Ein kurzes, aber heftiges Gewitter legt Anita kräftig auf die Backe.
Am Abend wechseln wir für ein paar Stunden auf die große Genua, für die Nacht reduzieren wir aber die Segel sicherheitshalber und ziehen den guten alten "Georgie" hoch.

 Montag, den 27. August

Den Wetterbericht erhalten wir auch unterwegs problemlos als grib-File per saildocs.com, an den wir über das Iridium-Handy eine Anforderungs-Email schicken und nach ein paar Minuten das Wetter als Antwort-Mail abholen können. Tolle Sache, und bewährt sich über den ganzen Törn.
Wir kommen bestens voran, geraten aber am Ausgang des Kalmarsunds trotz planmäßig landnah geführter Route bald in den Bereich kräftiger südlicher Dünung, die quer zur Windsee setzt. Entsprechend werden wir ausgiebig hin- und hergeschaukelt, die Ausfälle und Opfer an Rasmus halten sich aber in Grenzen.

Dienstag, den 28. August

Rasmus bietet uns ein seltenes Schauspiel: Ein kräftiges Sturmtief hat sich über der nördlichen Ostsee gebildet, sein Kern aber liegt über Südfinnland, und damit sind wir praktisch im Auge des Sturms. Und das kann man sehen: In jede Richtung blicken wir auf bedrohlich gefärbte und geformte Wolken-Ungeheuer, um uns herum tobt in jeder Richtung im Abstand von 50-100 sm der Bär mit 7-8 Bft, aber wir segeln unter blauem Himmel, meist mit Sonne und moderaten Winden dahin
Das Glück bleibt uns bis zum Ziel hold. Die letzten Stunden muss das Beiboot noch mitschieben. Im letzten Rest von Tageslicht erreichen wir sicher den Fischereihafen von Hanko, wo wir an der langen Pier festmachen können.

Mittwoch, den 29. August

Endlich Duschen! Mit Sauna! Davor ein spätes Frühstück, aber wir haben ja heute auch nichts großes vor. Christian Illner, ein Bekannter von Eckhard, regelt für uns den Austausch der Rettungsinseln, und so haben wir einen entspannten Hafentag mit Stadtbummel, einkaufen und ausruhen.

 Donnerstag, den 30. August

Ein neuer Wetterbericht bestätigt unsere Hoffnung: da das Wetter stabil ist, der Wind moderat mit 3-4 Bft aus W bis NW kommt und keine Überraschungen angesagt sind, wagen wir uns mit Anita in die Binnenschären der finnischen Südküste. Das innerste empfohlene Fahrwasser ist bis zu einem Tiefgang von 3,5m befahrbar, und da wir uns noch immer im Zentrum eines Tiefs bewegen, sorgt der geringe Luftdruck zusätzlich für höhere Wasserstände.
Es ist reines Lustsegeln. Nur mit Vorsegel und Besan und meist achterlichem Wind gondeln wir durch die Schären, haben schöne Ausblicke, Natur und Genuss pur. Nach nur 28sm lassen wir in einer ruhigen Bucht den Anker fallen, allseits gut geschützt.

 Freitag, den 31. August

Nach einem gemütlichen Frühstück und ein paar Baderunden geht es wieder rein in die engen Fahrwasser. An der engsten Stelle laufen die Schären auf einen Abstand von knapp drei Bootslängen zusammen – einfach spektakulär! Rasmus ist uns immer noch hold: der Wind passt in Richtung und Stärke, die Sonne ist fast immer da und die dunklen Wolken machen dauernd Ausweichmanöver, um uns nicht in die Quere zu kommen.
Am späten Nachmittag erreichen wir problemlos unseren Ankerplatz. Nur kurz vorher bekommen wir für ein bis zwei Minuten einen kleinen Hagelschauer ab.

 Samstag, den 1. September

Nach Schwimmen und Frühstück rückt Helsinki im Laufe des Tages näher, und wie schon gewohnt kriegen wir kurz vor dem Einlaufen in den Südhafen noch unseren Anlege-Schauer ab, bevor wir direkt vor der Markthalle festmachen können.
Essengehen, Stadtbummel und ein Live-Konzert runden den Abend ab.

 Sonntag, den 2. September

Wir beschließen einen Hafentag in Helsinki, denn es kachelt am Vormittag ganz ordentlich. Selbst beim Weg zur Dusche können wir uns nur in vollem Ölzeug ins Beiboot wagen, so hoch ist der Seegang sogar im Hafenbecken. Und dann ist auch noch die Sauna ausgeschaltet – Sauerei!
Aber das Wetter klart bald wieder auf, und wir besuchen ein spannendes Kunstmuseum (Kiatso) und finden einen offenen Supermarkt, wo wir nachbunkern können

 Montag, den 3. September

Eigentlich war ja der Dienstag als Tag der Überfahrt nach Estland vorgesehen. Aber der Wetterbericht ist der Meinung, dass heute noch Wind übrig ist, morgen aber nicht mehr. So beschließen wir, die Überfahrt heute zu machen, auch wenn wir dadurch einen Tag zu früh ankommen.
Es bläst dann auch tüchtig gegenan, als wir unter Beiboot die enge Hafenausfahrt heraustuckern. Ausgerechnet da versagt der Außenborder seinen Dienst, wir ziehen schnell die Segel hoch und segeln ins Hafenbecken zurück, um dort in relativer Ruhe (drei Schnellfähren pro 5 Minuten) zu sehen, ob wir das Ding wieder in Gang kriegen. Nach einer Viertelstunde montieren wir den Ersatzaußenborder, der uns dann brav aus dem Hafen schleppt, bis wir die Engstelle gegenan passiert haben und auf das Getucker verzichten können.
Draußen herrscht recht frischer Wind und eine noch kräftigere See, aber herrliches Wetter. So erleben wir auf der Überfahrt noch einmal einen herrlichen, wenn auch heftigen Segeltag, und der geht, weil wir am Ende doch einiges aufkreuzen müssen, dann auch nicht zu schnell zu Ende. Und eine ausgewachsene Windhose gab's umsonst dazu.
Vor dem Hafen lässt uns der Außenborder mal wieder kurz im Stich, aber schließlich können wir im Hafen Pirita bei Tallinn erst an der Zollpier, und am Ende auch am endgültigen Liegeplatz festmachen.

 Dienstag, den 4. September

Der zu früh zu Ende gegangene Törn beschert uns einen zusätzlichen Hafentag in Tallinn. Nach einem Besuch der kompletten Crew im Schwimmbad und in der Sauna des ehemaligen Olympiazentrums geht es per Bus in die Stadt.

 Mittwoch, den 5. September

Trotz der langen vergangenen Nacht schaffen es alle halbwegs pünktlich aus der Koje. Die Mühsal des Reinschiffs auf und unter Deck beginnt, aber alle fassen mit zu und so ist das Werk denn auch am späten Nachmittag vollbracht. Wenn man sich das Schiff so anschaut, möchte man am liebsten lossegeln. Und auch die beiden Außenborder werden wieder flott gemacht.
Abend und Törn klingen mit dem Skipperessen in der Tallinner Altstadt aus. Es folgt ein selbst für Anita-Verhältnisse ausgiebiges Feiern an Bord.

Ein solides Ende für einen gelungenen Törn über 388 sm – und mein herzlicher Dank an die ganze Crew.

 München, im September 2007

Andreas Neumann